Business as (un-)usual

Die entlegensten Regionen dieser Erde galten aus Sicht des Westens lange als „Peripherien“. Ihre natürlichen Ressourcen, Arbeitskraft und Wissen werden seit Jahrhunderten unter Kolonialherrschaft oder Dominanz der Industriestaaten ausgebeutet. Und doch pulsieren hier lokal verwurzelte, innovative ökonomische Zentren. Hier wird Business oft unter extrem erschwerten Bedingungen betrieben: Politische Instabilität, Kriege, Umweltverschmutzung, prekäre Gesundheits- und Sozialsysteme, beschränkter Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln sowie ausbeuterische Lieferketten gehören für viele Unternehmer*innen des „Globalen Südens“ zur Tagesordnung. Und dennoch produzieren sie mitunter die gesündesten Lebensmittel und die begehrtesten Rohstoffe aus den artenreichsten kleinbäuerlichen Anbausystemen dieser Erde. Sie designen und fertigen Kleidung, Accessoires, Haushaltsgegenstände und Kunst in jahrhundertealter Handwerkstradition und weben Geschichten und Leben in sonst leblose Gegenstände. Sie nähren ihre Gemeinschaften, ihre Familien, bauen vor Ort Infrastruktur, Bildungs-, Gesundheitssysteme und demokratische Kooperativen auf.

Business for Change

Weltweit gibt es Unternehmen, die dem Paradigma entgegentreten, das den „Globalen Norden“ ins Zentrum der Welt stellt und von dem aus die Rahmenbedingungen für globale Wirtschaft und Handel diktiert werden. Für diese Unternehmen ist der „Globale Süden” kein anonymer Rohstoff- und Produktionsstandort, weil diese Perspektive Extraktivismus und Ausbeutung mit dramatischen Folgen für Menschen und Umwelt fördert.

Die Unternehmer*innen, um die es hier gehen soll, verstehen ihre eigenen Privilegien als verhandelbar und denken damit Business neu. Weil Business as usual für sie keine Option ist.

Weil Wirtschaft ein Vehikel für Wohlstandsverteilung, globalen Zusammenhalt und  Paradigmenwechsel sein kann. Es sind Fair-Handels-Unternehmen, es sind Sozialunternehmen, es sind Unternehmen der Wirtschaft von morgen. Dahinter stehen Pionier*innen, die ihr ganzes Unternehmen darauf ausrichten, eine Wirtschaft für das 21. Jahrhundert aufzubauen. Denn Business as usual ist keine Option – nicht für sie und für keine*n von uns.

Unser aktuelles Weltwirtschaftssystem ist am Ende, weil es nie dafür designt wurde, ein lebendiges Ökosystem und den sozialen Zusammenhalt unter uns Menschen zu nähren. Unser aktuelles Wirtschaftssystem baut auf unendliches Wachstum mit endlichen natürlichen Ressourcen. Es belastet die Atmosphäre, Gewässer und Böden mit Müll und Chemikalien.

Es verursacht soziale Ungleichheiten, die zu Verteilungskämpfen führen. Es vererbt Armut ebenso wie Reichtum. Es verursacht Trauma, Perspektivlosigkeit und Unterdrückung und verteilt Wohlstand ungerecht. Es ist verheerend, dass die Weltwirtschaft von Firmen dominiert wird, die all das ignorieren und dass strukturelle Rahmenbedingungen geschaffen wurden, die diesen Zustand noch verschlimmern.

fit for Purpose

Die sozial-ökologische Transformation kann nur gelingen, wenn sich die Art, wie wir wirtschaften und Handel betreiben, grundlegend ändert. Bei diesem Umbau kommt Unternehmen eine entscheidende Rolle zu. Sie müssen „fit for purpose“ sein: bereit und gewillt, ein nachhaltiges Wirtschaftssystem für das 21. Jahrhundert aufzubauen und darin keine lästige CSR-Praxis zu sehen, sondern eine selbstverständliche unternehmerische Aufgabe.

Wir brauchen ein neues Narrativ, das seinen Fokus auf jene Unternehmen richtet, die radikal und gekonnt ökologische und soziale Verantwortung in ihre Geschäftsmodelle, ihre Produktions- und Handelsnetzwerke und ihre Produktdesigns einflechten.

Denn zwischen den planetaren Grenzen und dem sozialen Fundament für alle Menschen existiert ein „sicherer und gerechter Raum für die Menschheit“. Diesen Raum beschreibt unter anderem die britische Ökonomin Kate Raworth mit ihrer Wirtschaftstheorie der Donut-Ökonomie. Regeneratives und distributives Wirtschaften wird zur notwendigen Neuausrichtung der ökologischen und sozial-ökonomischen Unternehmenspraxis.

Regenerativ

Aktuell basieren viele Geschäftsmodelle darauf, natürliche Ressourcen in Gegenstände zu transformieren, die irgendwann auf dem Müll landen und die planetaren Grenzen auf diversen Ebenen überreizen. Diese Modelle müssen durch Unternehmen abgelöst werden, die Produktionsprozesse aufsetzen und Produkte anbieten, die den natürlichen Kreisläufen der lebendigen Welt entsprechen und nicht dem Prinzip „Extrahieren-Produzieren-Nutzen-Wegwerfen“ folgen. Regenerative Geschäftsmodelle sind auf die sukzessive Wiederherstellung unserer lebendigen ökologischen und sozialen Systeme ausgerichtet.

Distributiv

Die zweite notwendige Neuausrichtung verläuft von einer konzentrierenden zu einer verteilenden, einer distributiven Wirtschaft. Das klassische Unternehmensmodell zielt darauf ab, Gewinne für Eigentümer*innen zu maximieren – frei nach Milton Friedmans Neo-Klassizistischem Wirtschaftsparadigma „The Business of Business is Business“ – um Gewinne in den Händen einiger Weniger zu akkumulieren. In der Realität bedeutet das, dass die reichsten 10 % der Bevölkerung rund 85 % des globalen Vermögens besitzen. Obwohl auch innerhalb nationaler Grenzen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, besteht weiterhin ein extremes Ungleichgewicht zwischen dem „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“.

Um strukturelle Ungleichheit in der Welt zu bekämpfen, ist es essenziell, dass Unternehmen dazu beitragen, Macht, Kapital und Chancen gerechter zu verteilen, anstatt diese zu konzentrieren, sodass die Ursachen für Armut und Marginalisierung effektiv bekämpft werden können.

Eine auf die Nachhaltigkeit von Rohstoffen und Produktionsabläufen ausgerichtete Strategie ist umsetzbar, ohne das Wirtschaftsmodell von Unternehmen grundlegend zu ändern. 
Für die Transformation zu einem sozialen, auf Distribution ausgerichteten Unternehmen ist jedoch eine tiefgreifende Anpassung des Geschäftsmodells erforderlich. Letztere führt unweigerlich zur Zweckausrichtung (Purpose) eines Unternehmens: weg von „the business of business is business“, hin zu einer sozial-ökologischen Purpose-Orientierung. Und das heißt, es geht um die Unternehmensstruktur, die Unternehmensführung 
und die Kapital- und Gewinnverteilung. Kurzum: Es geht um 
den Umgang mit Macht und Geld.

Unternehmens-Design

Damit Unternehmen durch ihre Wertschöpfung regenerative und distributive Wirkungen zum Nutzen unserer Gesellschaft entfalten und ihre Rolle bei der Transformation unserer Wirtschaft einnehmen können, sollten sie ihr Unternehmensdesign darauf ausrichten. Denn so werden Strukturen geschaffen, die eine wirklich nachhaltige Praxis ermöglichen und langfristig sichern. Um welche Design-Elemente es geht, zeigen wir hier anhand der Aufteilung des Doughnut Economics Action Lab basierend auf der Arbeit von Majorie Kelly.

Konzepte, wie die Donut-Ökonomie, die Praktiken des Fairen Handels und Unternehmensdesign-Ansätze, liefern eine fundierte Grundlage dessen, in welche positive Richtung sich Wirtschaft entwickeln könnte und welche strukturellen Aspekte Unternehmen dafür bearbeiten müssen.